Assassin’s Creed: Revelations
Eine Offenbarung
Man sagt, dass man im Alter ruhiger würde. Einerseits, weil man bereits so viel erlebt habe, dass einen kaum noch etwas schockieren könne; andererseits aber auch, weil der Körper meist nicht mehr so mitspiele, wie man es sich wünschte. Müde Knochen, schmerzende Gelenke und eine gewisse Trägheit – wobei man sich einredet, dass man sich die Entschleunigung nach all den Jahren redlich verdient habe. Dieser Lauf der Dinge scheint an Ezio Auditore da Firenze, der Hauptfigur aus Assassin’s Creed II, vorbeigegangen zu sein. Stattdessen legt der Alt-Assassine nach den Erlebnissen in Teil 2 und Assassin’s Creed: Brotherhood mit 52 Jahren erneut die versteckte Klinge an, um den Geheimnissen der Assassinen und Templer in Konstantinopel nachzugehen.
Wer dachte, das Alter des Italieners würde seine Kampffähigkeiten oder Beweglichkeit einschränken, findet diese Vermutung nur in den Zwischensequenzen bestätigt. Nach wie vor meuchelt sich der beliebteste Charakter der Assassin’s Creed-Serie durch Massen an Feinden, erklimmt Minarette oder umgarnt die Buchladenbesitzerin Sofia Sartor, für die er seltene Bücher sucht. Es wirkt einerseits kurios, wenn sich der grauhaarige Anfang-Fünfzigjährige wieselflink durch die Straßen der byzantinischen Hauptstadt bewegt, andererseits passt es zum Image des Vorstehers eines Ordens körperlicher Ausnahmetalente. Muten-Roshi aus Dragon Ball wirkte ebenfalls nur so lange alt, bis sein Hawaiihemd aufriss.
Revelations konnte auch storytechnisch punkten. Diesem Addon gelang es, das Schicksal von Altaïr Ibn-La'Ahad aus dem ersten Assassin’s Creed sowie die Geschichte der mysteriösen Artefakte der Isu-Vorgängerzivilisation mit jenen von Ezio und Desmond Miles zu verknüpfen. Desmond? Richtig, den gab es ja auch noch. Die eigentliche Rahmenhandlung drehte sich ursprünglich um den Barkeeper, der von den Templern entführt worden war und die Geschichte seiner Vorfahren im Assassinen-Orden durch den Animus nacherlebte.
Doch Ubisoft wusste irgendwann nicht mehr, wohin die Reise mit ihm gehen sollte, und beendete seine Erzählung später in Assassin’s Creed III ebenso sang- und klanglos wie unbefriedigend. Im Gegensatz hierzu stellt Revelations für mich eine rundum gelungene Fortsetzung dar. Auf die netten, aber relativ belanglosen Tower-Defense-Einlagen aus Brotherhood hätte man allerdings verzichten können, statt aus ihnen ein eigenes Minispiel zu machen.

Die wohl größte (und kontroverseste) Neuerung in Form der Hakenklinge, durch die sich Ezio an höher gelegene Vorsprünge ziehen konnte, empfand ich hingegen als sinnvoll. Da Assassin’s Creed-Kletterpassagen zu jener Zeit noch eher einem Puzzle glichen, wurden manche Abschnitte dadurch zusätzlich vereinfacht. Ein Skandal, über den man mit Blick auf die Freeclimbing-Fähigkeiten von Naoe (AC Shadows) oder Eivor (AC Valhalla) heute nur schmunzeln kann. Und außerdem hat sich der Ausdruck „Hookblade“ – nur echt mit starkem arabischem Akzent – tief in mein Gedächtnis eingegraben, an einem Platz direkt neben dem Score.
Der Score
Als letzte Erweiterung rund um die Renaissance-Geschichte galt wohl auch in der Musikabteilung: „Klotzen statt Kleckern“. Der dazugehörige Original Soundtrack für den Singleplayer wurde von Serien-Urgestein Jesper Kyd komponiert, während sich Lorne Balfe in Zusammenarbeit mit Hans Zimmer um den Mehrspieler kümmerte. Mit seinen insgesamt 80 Tracks bewegt sich der Score beim Umfang im Bereich der Hauptspiele. Das Album bietet hierbei ein wunderschönes Best-of der Ezio-Trilogie, das Raum für sentimentale Rückblicke, Actionspektakel und Rührseligkeit lässt.
Mit Konstantinopel (dem heutigen Istanbul) als Schauplatz erkennt man die aus den Vorgängern bekannten mediterranen Klänge nun lediglich als Zitate etablierter Motive. Bestes Beispiel dafür ist der Gesang in Welcome to Kostantiniyye und Byzantium, den wir aus The Madam kennen. Neben anachronistischen E-Gitarren, die Kämpfe in On the Attack oder Street Fight untermalen, finden sich auch Klangmotive wie Mönchschöre (No Mistakes) oder das futuristische Animus-Gewaber (Animus Island) auf dem Album – teils werden sie, wie bei The Noose Tightens, miteinander kombiniert. Neue Akteure im Instrumentarium sind derweil Bouzoukis und Tablas (indische Trommeln), die Titeln wie Master and Mentor, Fight or Flight oder Galata Tower orientalisches Flair verleihen.

Generell lässt sich sagen, dass die Musik von Revelations den Bombast-Faktor noch einmal deutlich erhöht. Dominierten in Assassin’s Creed II oder Brotherhood oft einzelne Instrumente – etwa die Trommeln in Chariot Chase –, so setzen die Komponisten für das Finale auf die volle Wucht des Orchesters. Während Lieder wie Scheduled for Deletion, Labored and Lost, Reunion und Rhodes ein kurzes wie dramatisches Aufbegehren darstellen, bekommen wir gerade gegen Ende mit Chase the Target, Let the Chase Begin oder Tracking Templar ein kinoreifes Klangerlebnis geboten.
Diese Tracks erinnern stark an Heldenepen aus dem Marvel-Universum, etwa an die Avengers-Filme oder Marvel’s Spider-Man von Insomniac Games. Im Gegensatz dazu wecken Venezia und Assassinate the Target eher Erinnerungen an jenen Fatalismus, den man aus japanischen Action-Rollenspielen wie den späteren Final Fantasy-Spielen kennt. Andere Lieder wie Forum of Ox scheinen derweil eine stilistische Vorlage für den Nachfolger gewesen zu sein. So könnte On the Run als Blaupause für Balfes Trouble in Town aus Assassin’s Creed III gedient haben. The Hunted erinnert mich an Inon Zurs Arbeit für das erste Crysis. Klassisches Assassin’s Creed-Feeling bekommen wir unterdes besonders in Altair Escapes und Rebuilding the Brotherhood geboten, die beide wie aus dem Vorgänger entlaufen klingen.

Das Album nur auf seinen Epik-Faktor zu reduzieren, wäre hierbei ein Fehler, da es auch in seinen ruhigeren Momenten glänzt. Kyd und Balfe bauen dafür auf ein wiedererkennbares Hauptmotiv, das sich durch den ganzen Score zieht. Dieses begegnet uns direkt im ersten Track (Assassin's Creed: Revelations), der von einer einsamen Stimme intoniert wird. Fun-/Fanfact: Für das Titellied veranstaltete Ubisoft einen Gesangswettbewerb, der durch Mundpropaganda so erfolgreich wurde, dass geplante Werbeanzeigen gestoppt werden mussten. Die 18-jährige Madeline Bell wurde von einer Jury unter Beteiligung von Hans Zimmer zur Siegerin gewählt, da ihre Stimme die Essenz der Spielereihe laut Fan-Wiki perfekt verkörpere.
Und Holla the Woodfairy, kann diese junge Dame singen! Die Arie verbindet so viel: Ezios schmerzhafte Vergangenheit, seinen Rachefeldzug, Einsicht und Weisheit, die er später erlangte, und seine Entschlossenheit, das Richtige zu tun. Es klingt abgedroschen, doch das Hauptthema vermittelt diese Vorgeschichte perfekt und verbindet zugleich alle Elemente des Scores: von der anfänglichen Verletzlichkeit eines Waisenkindes über den Mut der Blütezeit bis hin zum vollen Orchesterspektakel, das uns zum Ende seines Abenteuers begleitet. Herrlich!
Angenehmerweise erklingt Bells Gesang in diversen Variationen über den gesamten Soundtrack hinweg: als Moll-Version in Suleiman's Grief und The Mentors Return, als epochale Entdeckung in The Hidden City, als heroischer Salut in You Have Earned Your Rest sowie als trauriger Abschied in Enough for One Life. Eine neutralere Version findet sich in Altair and Darim, wohingegen Everything Changes statt auf Gesang auf Flötenklänge setzt.

Doch auch ohne die Dame setzen die Komponisten immer wieder Spitzen. Wo die Streicher in Sailing to Constantinople und We Talk Together Weite und Getriebenheit vermitteln, erwecken sie mit ihrer verspielten Art in A Familiar Face ein wenig Fluch der Karibik-Feeling. Im Stück Istanbul kommt durch die Kombination aus Harfe und Gesang für mich unweigerlich SpellForce 2-Atmosphäre auf. Sogar ein wenig Thriller-Spannung hat es mit The Traitor und Cappadocia auf das Album geschafft.
Um diese Liste wunderbarer Hörbeispiele abzuschließen, möchte ich noch The Road to Masysaf erwähnen, weil es einerseits eine fantastische, bombastischere Version des Hauptthemas darstellt und zum anderen den Ursprungsort der Assassinen aus dem ersten Teil falsch benennt („Masyaf“ wäre korrekt). Und als letztes Beispiel für Hörgenuss schließt The Hunter das Album ab, das eine längere und ebenfalls dramatischere Version von Rhodes darstellt.
Fazit
Als ich 2019 meine ersten Reviews verfasst habe – beziehungsweise 2012, wenn man meine ersten Schreibversuche mitrechnet –, wollte ich immer alles aufzählen, was mir an dem jeweiligen Soundtrack gefällt. Damals war ich jedoch deutlich strenger und vergab häufiger niedrigere Punktzahlen. Mittlerweile pendelt sich mein Urteil meist in der Mitte ein, da ich die Alben differenzierter betrachte (auch wenn ich das jeweilige Spiel oft nicht mehr selbst gespielt habe). Deshalb wurden meine Rezensionen mit der Zeit etwas weniger trackzentriert, sondern rückten das Gesamtwerk in den Fokus.
Revelations ist einer dieser Fälle, die besonders davon profitieren. Als Best-of bekommen hier nicht nur die Fans der Ezio-Saga ein grandioses Finale geliefert, sondern alle, die das erste Assassin’s Creed und die Reihe insgesamt lieben. Kyd beendet sein Schaffen für das Franchise mit einem Paukenschlag, der auch in Balfes Arbeit für Assassin’s Creed III noch nachhallt.
Im Gegensatz zur spielerischen Qualität konnte die musikalische Begleitung im Verlauf der Zeit glücklicherweise ihr hohes Niveau halten, weshalb uns noch weitere großartige Werke für die Abenteuer von Edward Kenway, Arno Dorian, den Frye-Geschwistern und vielen weiteren Meuchel-Legenden bevorstehen. Die Erzählung um den charismatischen Ezio Auditore da Firenze hat mit diesem Abschluss ihren atmosphärischen Höhepunkt erreicht.