Die Siedler: Das Erbe der Könige

Spielmusik-Review 20.02.2026 · Mattis

Ein schweres Erbe

Die Siedler 5 – oder korrekt: Die Siedler: Das Erbe der Könige – markierte Ubisofts Neustart der Reihe und Bruch mit so ziemlich allem, was die Spiele rund um Serienschöpfer Volker Wertich besonders machte: weg mit den ausgeklügelten Warenketten, weg mit dem Knuddel-Look, weg mit den Wegen (den berüchtigten Trampelpfaden). Stattdessen setzte Das Erbe der Könige auf ein realistischeres Aussehen, dessen Farbpalette von mehr Grau- und Brauntönen durchzogen wurde, eine reduzierte Anzahl an Ressourcen, ein vertieftes Militärsystem und Helden mit Spezialfähigkeiten – kurzum: mehr Empire Earth als Anno.

Für viele galt dieser Teil der Serie als der schlechteste, bis dann 2023 unter allgemeiner Entgeisterung Die Siedler: Neue Allianzen erschien und so ziemlich alles falsch machte, was man nur falsch machen konnte. Wie die Kritiker würde ich zwar heutzutage einfach ein anderes Spiel zocken, damals war die Auswahl an Titeln jedoch begrenzt und eine Reihe, die Spaß versprach, wurde beinah reflexartig weiter gekauft. Bis heute schmerzt mich die Enttäuschung namens Earth 2160!

Doch trotz aller berechtigter Kritik schlummert in Das Erbe der Könige ein solides Echtzeitstrategiespiel, das mir damals viel Spaß machte, einfach weil es etwas anderes war als die beschauliche Gemütlichkeit der Vorgänger. Das dynamische Wettersystem war nicht nur schön anzusehen, sondern hatte sogar Einfluss auf das Spielgeschehen. Die Helden spielten sich angenehm unterschiedlich und die Kampagne um den Prinzen Dario hatte endlich mal eine zusammenhängende Story, der man folgen konnte. Andere Designentscheidungen wie die bemüht lustige Synchronisation und die Sprüche von Oliver Kalkofe (den ich damals noch nicht kannte) nervten mich jedoch schon damals.

Heutzutage würde das Spiel vermutlich deutlich wohlwollender aufgenommen werden, allein weil es sich um ein Strategiespiel einer bekannten Marke handelt. Eine Spielempfehlung kann ich trotzdem nur bedingt aussprechen, da andere Genrevertreter wie Age of Empires IV einfach besser gelungen sind.

Der Score

Siedler 5 wurde besonders für sein Gameplay und seinem Bruch mit der Vergangenheit kritisiert, aber ein Aspekt trat dabei häufig in den Hintergrund: der Soundtrack. Ja, ich liebe den Score des Vorgängers, weil er ein nostalgisches Wohlbehagen in mir weckt, das mich an die zahllosen Stunden vorm Röhrenbildschirm zurückdenken lässt, in denen jeder Mausklick so wunderbar faszinierte. Das tut die Musik von Das Erbe der Könige nicht. Sie ist dafür etwas anderes, nämlich objektiv gut. Denn mit dem Umbruch des Spielkonzepts wurde auch die Komponistensäule ersetzt, weshalb statt Haiko Ruttmann nun der Amerikaner Michael Pummell für die Orchestrierung verantwortlich zeichnete.

Pummell, der später mit der von mir heißgeliebten Musikschmiede Dynamedion auch den Score des Nachfolgers, Die Siedler: Aufstieg eines Königreichs, fabrizieren sollte, war der große Durchbruch leider nicht vergönnt. Den spärlichen Informationen zufolge, die man über ihn finden kann, zählen zu seinen größten Erfolgen die Soundtracks zu Gex 3: Deep Cover Gecko (1999), Fur Fighters (2000) und Vexx (2003). Alles Spiele, von denen ich nie gehört habe, deren Scores ich mir aber trotzdem mal anhören werde – allein um zu überprüfen, ob Pummell bereits dort akustisches Gold ablieferte oder die Qualität eher der Zusammenarbeit mit dem deutschen Studio zuzuschreiben ist.

Die Faszination des 30-teiligen Original Soundtrack entfaltet sich direkt im Einstiegstitel Das Erbe der Könige. Was zunächst sehr nach der tollen Musik der Shrek-Filme klingt, wandelt sich mit dem Aufspielen des Orchesters: Die Fantasy-Atmosphäre weicht dem eher zu erwartenden Mittelalter-Muster, das Dynamedion später in Spielen wie Anno 1701 oder Die Gilde 2 wiederverwenden sollte. Die Weite, das Erhabene und einfach Schöne dieses Tracks stehen sinnbildlich für die Qualität des restlichen Scores und verkünden mit lauten Stimmen, dass Magie folgen wird.

Das Leitmotiv des Protagonisten Dario baut auf diesen Stärken auf und lässt den jungen Recken sowohl gutmütig als auch neugierig erscheinen. Durch dessen Wiederkehr in Tracks wie Reise gen Süden macht der Score hierbei deutlich, dass wir uns in einer idealisierten Heldenreise durchs Mittelalter befinden, in der das Idyll im Vordergrund steht. Klassisch-stereotype Klänge wie gezupfte Gitarren/Harfen (Darios Erbe, Im sicheren Hafen) und Flöten/Fanfaren (Verzweifelt nicht!), aber auch das dem Wettersystem geschuldete Glockenspiel in den winterlichen Tracks (Die Festung im Schnee, Eingefrorene Zeit,Die Arbeit eines Winters, Schneegeschichten) lassen keinen Zweifel daran, dass zumindest akustisch die friedliche Siedler-DNS erhalten geblieben ist.

Auch atmosphärisch hat der Score einiges zu bieten: Während uns die frostigen Klänge des bereits erwähnten Glockenspiels in Schneegeschichten an einen eisigen Wald denken lassen, wird dieses Gefühl noch durch dumpf hallende Schläge unterstrichen. Wir sehen den Holzfäller vor unserem inneren Auge, der gerade Bäume für den heimischen Kamin zu Fall bringt. Dieser malerische Eindruck ergießt sich gegen Ende in einer Streichersymphonie, die deutliche Parallelen zu Greyfell (Sharrowdale) aus SpellForce aufweist. In Der königliche Hof, Norfolk und Rückkehr der Helden wird es derweil etwas royaler, doch auch hier kommt diese unverbesserlich optimistische Ader durch, wie wir sie aus den Anno-Spielen und Die Gilde 2 kennen.

Der neue Militärfokus sorgt derweil dafür, dass es in der Musik nun auch Grautöne gibt: Ein Dorf in Trümmern und Evelance, deren moll-artige Einstiege auf hängende Köpfe und ertraglose Ernten schließen lassen, verlieren trotz der Niedergeschlagenheit ihre trotzige Schönheit nicht – eine Kunst, die später im Track Dun Mora aus SpellForce 2 perfektioniert wurde.

Vom Grau zu Blau neigt derweil Willkommen in Cleycourt, das auf einer noch stärker positiven, fast schon herrschaftlichen Note endet. Weitere Stücke wie das neugierige Arbeit und Aufbau oder pragmatische Die alte Festung unterstreichen mit ihrem positiven Grundtenor dieses Gefühl von Aufbruch, von Schaffensgeist und Hoffnung. Selbst das Thema unserer Antagonistin, Mary de Mortfichet, ist kitschig berührend – wie eines dieser Kinderlieder, das wir beim Erlernen unseres ersten Instruments bis zum geistigen Exitus üben mussten. Und ja, ich habe Klavierunterricht gehabt und weiß, wie privilegiert ich damit bin.

Trotz der oben angesprochenen bedächtigeren Nuancen bleibt der Score grundsätzlich also ein waschechtes Siedler-Album. Wirklich düster sind nur die drei Titel Prophezeiungen, Im Angesicht des Bösen und Der schwarze Ritter, die wenig Gnade durch unsere Gegenspieler*innen versprechen. Das mag dem Narrativ und dem notwendigen Gegensatz zur sonstigen Harmonie geschuldet sein, für mich klingt das etwas zu gewollt. Zudem wird durch die weiblichen Vocals beim Letztgenannten nochmals die Nähe zum ersten SpellForce (Battlefields) deutlich.

Bei den unausweichlichen kriegerischen Auseinandersetzungen, die uns im 5. Siedler erwarten, kommen wir natürlich nicht um die obligatorische Kampftracks herum. Auch davon gibt es insgesamt drei, die ich alle noch gut aus meiner Zeit mit dem Spiel kenne und die mich trotz ihrer überschaubaren Anzahl nicht nervten. Zu diesen Stücken zählt das schnelle Das Heer aus dem Süden, das – der Name verrät es schon – eher orientalisch angehaucht scheint. Ruhm wartet und Die Gezeiten einer Schlacht sind dagegen chaotischer und erinnern mit ihren Pausen und Anstürmen an die Musik der SpellForce-Reihe, die ein Jahr zuvor schon dem Epos der Der Herr der Ringe-Filme erfolgreich nachjagte.

Fazit

Das Erbe der Könige bleibt ein schwieriges Pflaster für Serien-Puristen, die ihren Wuselfaktor und ihre Warenketten schmerzlich vermissen. Doch während das Gameplay mutig (oder übermütig) mit den Traditionen brach, rettete Michael Pummell zusammen mit Dynamedion die akustische Ehre der Reihe. Der Soundtrack ist das strahlende Juwel in einem Spiel, das zwischen den Stühlen der Genre-Riesen sitzt: Er fängt die idyllische Siedler-DNS ein, wo die Grafik zu grau und die Helden zu kitschig waren. Auch wenn ich heute für eine Runde Echtzeitstrategie eher andere Klassiker aus dem Regal ziehe – der Score wandert definitiv wieder in meine Playlist. Wer ein Faible für die orchestrale Erhabenheit eines SpellForce oder den optimistischen Schaffensgeist von Anno hat, kommt an diesem „akustischen Gold“ nicht vorbei. Ein schweres Erbe, ja – aber eines, das verdammt gut klingt.